Eine neue Generation von Mitmischern

Das Jugendforum Rheinland-Pfalz bietet jungen Menschen eine Plattform für ihr politisches Engagement – und lässt Politikverdrossenheit keine Chance.


Entspanntes Strandgefühl und Sand unter den Füßen waren in Herxheim bei Landau ebenso Mangelware wie Treffpunkte für Jugendliche – bis Fabian Kuntz 2009 auszog, um beides zu ändern. 17 Jahre alt war er damals, frisch gewählt ins Jugendparlament seiner Heimatstadt und gewillt, das politische Leben der Ortsgemeinde grundlegend zu verjüngen. „Junge Leute müssen gehört werden. Viele Ortsbeiräte sind mit älteren Menschen besetzt, die natürlich andere Interessen vertreten. Ich war schon immer an Politik interessiert, also habe ich kandidiert und bin gewählt worden“, erinnert er sich heute, wenn man ihn nach seinen politischen Wurzeln fragt.

Dass Herxheim inzwischen über eine Beachvolleyball-Anlage verfügt, an der regelmäßig die Jugend-Pfalzmeisterschaften ausgetragen werden, die aber auch für Beachpartys, Training, Freizeit und Jugendtreffs genutzt werden kann, verdankt die Stadt Fabian und den anderen Jugendparlamentariern seiner „Legislaturperiode“.

Als „sehr, sehr langwierigen Prozess“ blieb dem mittlerweile 21-jährigen Studenten diese Zeit in Erinnerung. „Wir haben über ein Jahr lang für unsere Sache gekämpft, jeden Versuch genutzt, um die Erwachsenen zu überzeugen und zäh verhandelt.“

Wie wichtig das Engagement von Jugendlichen wie Fabian Kuntz für unsere Demokratie ist, verdeutlicht ein Blick in eine 2013 veröffentlichte Studie des Deutschen Kinderhilfswerks: Die Hälfte der 830 befragten 10- bis 17-Jährigen gab an, sich nicht politisch engagieren zu wollen. Zwei Drittel haben den Eindruck, dass die Bundesregierung sich zu wenig für ihre Belange einsetzt. Nur 15 Prozent glauben, dass sich Lokalpolitiker für ihre Anliegen interessieren.

„Wir verlieren viele Jugendliche, weil es keine richtige Verständigung gibt. Sie erfahren Politik und Politiker als lebensfern und steigen förmlich aus. Das wollen und müssen wir ändern“, sagt Birger Hartnuß. Der 45-Jährige ist Referent der Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung in der Mainzer Staatskanzlei. In seiner Funktion zeichnet er auch verantwortlich für das Jugendforum Rheinland- Pfalz, das seit 2012 existiert. Die dort vernetzten Jugendlichen haben ein Jugendmanifest erarbeitet, das von schmutzigen Schultoiletten und Klassengrößen über Ausbildungsstandards bis hin zu Umweltschutz und Mindestlohn ein vielfältiges Spiegelbild ihrer Positionen und Lebensrealitäten zeigt. Im Februar dieses Jahres gingen Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Jugendministerin Irene Alt und Europaministerin Margit Conrad in einer Feedbackveranstaltung mit den Jugendlichen direkt in den Dialog, nahmen detailliert Stellung zu den Forderungen und Vorschlägen und luden zur weiteren Diskussion ein.

Die Bürgerinnen und Bürger sollten zu den Dingen gehört werden, die sie direkt betreffen. Das wäre ein wirklicher Wandel. 

Fabian Kuntz
21, Student, Jugendforum Rheinland-Pfalz

Fabian Kuntz, der sich auch am Jugendforum beteiligt hat, wertet diese Dialogbereitschaft als sanfte Trendwende: „Langsam hören Politiker in Rheinland-Pfalz uns tatsächlich zu. Sie sind bei keinem Punkt ausgewichen, auch wenn sie viele Fachbegriffe benutzt haben. Allein die Tatsache, dass es das Jugendforum gibt, macht Mut.“

Genau diesen Effekt will Birger Hartnuß noch verstärken. „Um Demokratie zu fördern und weiter zu entwickeln, müssen wir Menschen so früh wie möglich Partizipationserfahrung außerhalb der Familie ermöglichen. Mitsprache sollte bereits im Kindergarten und der Grundschule gefördert werden. Empathie, Zivilcourage, Solidarität, Demokratie sollten Teil der modernen Bildung sein, nicht nur der Erziehung. Und auch Vereine und Verbände sind gefordert, aktiv auf die Jugendlichen zuzugehen, sie zu involvieren.“

Wenn wir die vor uns liegenden Herausforderungen positiv bewältigen wollen, dann braucht es in hohem Maße aktive Beteiligung aller Generationen. Ohne Bevormundung! 

Birger Hartnuß
45, Referent der Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung, Staatskanzlei Mainz

Institutionen, so Hartnuß, sollten jedoch auch akzeptieren, dass sich Rahmenbedingungen geändert haben. „Jugendliche sind nicht mehr rein altruistisch motiviert. Sie möchten Spaß und Freude mit Engagement und Teamwork verbinden, und das ist absolut legitim. Teilweise nutzen sie ihr Engagement aber auch, um sich für Beruf und Studium zu profilieren, denn durch die schulischen Anforderungen ist ihre freie Zeit kostbar. Auch das ist legitim. Bedeutet aber, dass sie sich sinnvoll einbringen wollen – und keine ‚Besenkammerdienste‘ übernehmen möchten.“

Internet und soziale Medien müssen laut Hartnuß verstärkt zur Ansprache von Jugendlichen genutzt werden. „Ohne Internet als Informationsquelle“, sagt Fabian Kuntz, „wäre ich politisch nur halb so gebildet.“ Das Jugendforum selbst hat eine Online-Plattform, die die Möglichkeit bietet, sich aktuell zu informieren, Themen zu setzen, mit anderen Menschen an ihnen zu arbeiten, zu diskutieren und dabei die Perspektiven unterschiedlicher Jugendlicher zu verstehen. Rund 6.000 Besucherinnen und Besucher haben sich bislang an der Online-Diskussion beteiligt.

Von der großen Karriere in der Politik und dem Bundestag in Berlin träumt er übrigens nicht. Sein Fazit nach fast fünf Jahren „Politikgeschäft“: „Ich engagiere mich ehrenamtlich in Jugendorganisationen und dem Jugendforum weiter. Man kann mehr erreichen und Projekte umsetzen, wenn man auf dieser Ebene arbeitet.“ |