Alle unter einem Dach

Das erste von der ISB geförderte Mehrgenerationenhaus in Koblenz liefert neue Impulse für die Stadt.


Wie reagiert eine Stadt, wenn sie feststellt, dass sich die Wohnbedürfnisse ihrer Bewohner langsam aber stetig fundamental wandeln? Wenn mehr und mehr Menschen allein leben wollen oder müssen, ganz unabhängig von ihrem Alter? Wenn eine wachsende Zahl von Senioren die städtische Infrastruktur bevorzugt, statt den Alterssitz auf dem Land? Wenn zeitgleich das Interesse junger Familien an bezahlbarem Wohnraum im Zentrum steigt? Und wenn eben dieser Wohnraum Mangelware ist?

„Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Wir müssen Flächen in der Stadt konsequent effizient nutzen“, lautet Michael Siegels Antwort. Siegel ist Chef der Koblenzer WohnBau und damit Herr über rund 3.200 städtische Wohnungen. Daneben sanieren, renovieren und bauen sein Team und er kontinuierlich im kommunalen Auftrag rund um das Deutsche Eck – und denken dabei auch jenseits der Norm.

Ein Paradebeispiel dafür ist das bislang einzige Mehrgenerationenhaus in Koblenz. Realisiert hat es die WohnBau zusammen mit dem Verein „Gemeinsam Wohnen in der Region Koblenz e.V.“. Gefördert wurde es von der ISB. Bereits 2007 entstanden auf dem Gelände einer alten Kaserne vier Mehrfamilienhäuser mit jeweils elf Wohnungen von rund 57 bis 106 Quadratmetern. Kern des Projekts ist das Haus Boelckestraße 25.

Dort leben Singles mit älteren, alleinstehenden Senioren, Paaren und Familien unter einem Dach. Jeder in den eigenen barrierefreien vier Wänden und doch gemeinsam: „Miteinander – Füreinander“ lautet das Motto. Jeder bringt in die Gemeinschaft ein was er kann: Man unterstützt sich im Haushalt, bei Einkäufen, im Krankheitsfall, bei der Betreuung von Kindern. Plant gemeinsame Feste, kommt bei Bewohnersitzungen ins Gespräch, entscheidet im Team über Nachmieter für freigewordene Wohnungen. Im Erdgeschoss haben sich eine Teeküche, ein Gemeinschaftsraum und eine Terrasse als offener Treffpunkt für alle etabliert. Besuchern steht ein Gästeappartement im Haus zur Verfügung.

Wir müssen Flächen in der Stadt konsequent effizient nutzen. 

Michael Siegel
55, Geschäftsführer der Koblenzer WohnBau

Von Anfang an haben Trägerverein und WohnBau eng zusammengearbeitet, haben Standorte abgewägt, über Gemeinschaftsflächen und den Schnitt der Wohnungen diskutiert. Ein Sozialplanungsbüro hat die ersten Mieter in der frühen Phase ihres Zusammenlebens begleitet, sie beim Definieren ihrer Satzung unterstützt.

„Uns war von Anfang an wichtig, dass wir als kommunaler Träger dieses besondere Haus auch für einen Personenkreis realisieren, der nicht unbedingt auf Rosen gebettet ist“, sagt Siegel.

Für Michael Siegel und die WohnBau ist das erfolgreiche „Mehrgenerationenhaus“ Initialzündung für eine ganze Reihe neuer, ungewöhnlicher Wohnprojekte. Derzeit arbeitet er an einem barrierefreien Haus für Singles jeden Alters, das auch die Möglichkeit für Gemeinschaftsaktivitäten bietet und träumt davon, eine leerstehende Grundschule in ein Mietshaus für alle Generationen umzubauen: „Wir haben hier in Koblenz den Anspruch beispielhaft aufzuzeigen, dass bestimmte Dinge im kommunalen Wohnungsbau nötig und möglich sind, um dem Wandel der Lebensrealitäten in unserer Stadt gerecht zu werden.“ |